Lernen mit inklusiven Unterrichts­materialien

Ausgangslage Heterogenität

Heterogenität ist ein Schlüsselbegriff in der aktuellen Bildungsdiskussion. Ob begrüßt oder problematisiert: Die heterogene Schülerschaft ist Realität. Kinder mit unterschiedlicher kultureller, ethnischer oder sozioökonomischer Herkunft sowie unterschiedlichen Lernausgangslagen prägen zunehmend den Schulalltag. Für Lehrkräfte bedeuten die ungleichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler neue Herausforderungen bei der Gestaltung ihres Unterrichts. Denn das Ziel lautet: jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend im gemeinsamen Unterricht zu fördern. Wie lässt sich das umsetzen?

Methode     Medien     Quellen

Offene, kooperative Lernumgebungen und ein gemeinsamer Lernprozess am gemeinsamen Gegenstand bilden die Fundamente des inklusiven Lernens.

Inklusives Lernen –
Wie geht das?

Alle Lernenden entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten bestmöglich zu fördern ist vor allem eine didaktische Herausforderung. Begünstigt wird das gemeinsame Lernen aktuellen Studien zufolge durch einen handlungsorientierten, forschend-entwickelnden Unterricht, der alle Schülerinnen und Schüler ihren Interessen gemäß anspricht und an ihre Vorkenntnisse und Erfahrungen anknüpft: Wenn ein Teil des Lernens im Dialog stattfindet, können die Lernenden Verbindungen zwischen neuem Wissen und bereits vorhandenen Fähigkeiten herstellen und sich entsprechend in der Klasse einbringen.

Eine wesentliche Rolle für diese Unterrichtsform spielt differenziertes Unterrichtsmaterial, das die individuellen Zugänge der Schülerinnen und Schüler zu dem gemeinsamen Lerninhalt berücksichtigt und ihr unterschiedliches Arbeits- und Lerntempo respektiert. Zielführend ist eine niedrige Eingangsschwelle, der vertiefende Teilaufgaben auf unterschiedlichem Verständnis- und Abstraktionsniveau folgen.

Grundlegende Prinzipien des gemeinsamen Lernens in inklusiven Lerngruppen:

Vielfältige Hilfestellungen, z. B. über interaktive Medien oder gestufte Hilfen, bieten den Schülerinnen und Schülern Schritt für Schritt Unterstützung bei der Lösung eines Problems, sollten aber gleichzeitig auch selbstständige Lern- und Lösungswege zulassen. Im gemeinsamen Austausch reflektieren die Lernenden über ihre unterschiedlichen Strategien und vertiefen auf diese Weise ihr Verständnis von der Sache.

Wissenschaftliche Erkenntnisse
zum inklusiven Lernen

Ein Merkmal des inklusiven Unterrichtens sind offene Lernarrangements, die über geschickt formulierte Lernaufgaben unterschiedliche Lernmöglichkeiten und -wege bereitstellen. Einerseits um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Andererseits um den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu bieten, zielgerichtet fachliche und überfachliche Fähig- und Fertigkeiten an der oberen Leistungsgrenze zu entwickeln. Die Lehrkraft steht somit vor der Aufgabe, unterschiedliche Niveaustufen der fachlichen und überfachlichen Kompetenzen im Blick zu haben. Neben der Offenheit im sozialen Miteinander und Umgang, Stichwort „Feedback-Kultur“, ist eine für alle Schülerinnen und Schüler transparente, für Veränderungen offene, flexible Unterrichtsstruktur Voraussetzung für einen erfolgreichen inklusiven Unterricht: mit eingeübten Routinen, klaren Vorgaben und Erwartungen sowie überschaubaren Inhalten (Reich 2014). Laut Catharina Struck wurden „mit einer Balance zwischen gemeinsamen Lernsituationen und differenziertem Arbeiten positive Erfahrungen gemacht“ (Struck 2017).

Das gemeinsame Lernen am gemeinsamen Gegenstand wird als wesentliches Element des inklusiven Unterrichts angesehen. Dabei steht nicht das gemeinsame Thema unmittelbar im Fokus der Betrachtung, sondern vielmehr der individuelle Lernprozess, der zu ganz unterschiedlichen Kompetenzzuwächsen und Lernprodukten bei den Schülerinnen und Schülern führen kann. Dieses Gestaltungselement erfordert von den Lehrkräften die kreative Identifizierung und Ausarbeitung eines Kontextes, der...

  • interessante Phänomene oder Zusammenhänge beinhaltet
  • gegebenenfalls Aha-Erlebnisse auslöst
  • Fragestellungen unter Berücksichtigung der Interessen, Bedürfnisse und Stärken der Schülerinnen und Schüler auslotet
  • individuelle Lernwege und Lernstile einbezieht
  • gesellschaftliche Bedeutsamkeit besitzt sowie
  • multisensorische und multimediale Zugänge bedenkt.

Inklusiver Unterricht will geplant sein

Die Planung von inklusivem Unterricht, des fachlichen und überfachlichen Inputs und von intendierten Kompetenzzuwächsen der Kinder und Jugendlichen muss für Lehrkräfte leicht zu handhaben sein. Mit dem „Inklusionsdidaktischen Netz“ (Abb. unten) haben Heimlich und Kahlert (2012) ein Handlungs- und Planungsmodell vorgelegt, das ursprünglich auf die sonderpädagogische Förderung in Grundschulen abzielte. In der iMINT-Akademie Berlin konnte die Praktikabilität auch für Regelklassen der Jahrgangsstufen 5 und 6 in naturwissenschaftlichen Fächern gezeigt werden. Das Modell ermöglicht den inklusiven Zugriff auf Themenbereiche und Fachinhalte unter Einbeziehung lebensweltlicher, fachlicher und fachdidaktischer Perspektiven im Hinblick auf förderpädagogische Entwicklungsbereiche. Ziel ist letztlich die Entwicklung von adäquaten Lernangeboten für eine spezifische Lerngruppe.

Die iMINT-Akademie in Berlin hat Standards für den inklusiven naturwissenschaftlichen Unterricht formuliert, die die Anforderungen für den inklusiven Unterricht beschreiben. Sie legen somit überprüfbare, ganzheitliche und fachübergreifende Qualitätskriterien fest, die sich in einer Checkliste übersichtlich darstellen lassen.

Das inklusionsdidaktische Netz

Die Grafik zeigt die Grundstruktur des inklusionsdidaktischen Netzes mit den außen angeordneten Entwicklungsbereichen, die von der iMINT-Akademie 2017 um den kreativen Aspekt ergänzt wurde, sowie die inhaltlichen Lernbereiches des MINT-Fächerkanons. Diese Felder können für die Planung des Unterrichts ausgefüllt und im Sinne der Modellbezeichnung vernetzt werden.




Verändert nach Prof. Heimlich, LMU München


Wie lernwirksam ist inklusiver Unterricht?

Auch in heterogenen Klassen können alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert werden, ohne dass das Niveau des Unterrichts leidet. Im Gegenteil: Inklusives Lernen unterstützt eine Arbeitsweise, die auf Vielfalt und Gemeinschaft ausgelegt ist. Die Schülerinnen und Schüler lernen aufeinander einzugehen, sich gegenseitig zu helfen und den anderen wertzuschätzen, auch und gerade wenn er „anders“ ist. So bilden sie Werte wie Toleranz, Teamorientierung und Verantwortungsgefühl, die im Unterricht praktisch erfahren und auf den Lernprozess bezogen werden.

Die heterogene Gruppe gilt dabei als wesentliche Bedingung für erfolgreiches kooperatives Lernen, da die Schülerinnen und Schüler so auf inhaltlicher und methodischer Seite wechselseitig voneinander lernen können. „Folglich profitieren Schüler mit besonderem Förderbedarf ganz wesentlich, wenn sie mit leistungsstärkeren Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten“ (Benkmann 2009). Auch schnell lernende und hochbefähigte Schülerinnen und Schüler erhalten keinen Nachteil, sondern erzielen in kooperativen Arbeitsformen gleichbleibende Leistungen. In diesem Rahmen erweist sich vor allem die kooperative Form des Peer Tutoring als geeignete Strategie für den Unterricht in inklusiven Lerngruppen (Büttner, Warwas & Adl-Amini 2012). Dabei werden Peers zu Co-Lehrenden für Lernende.

Das Klassenzimmer im Wandel

Unterrichtsräume können in inklusive Lernwerkstätten umgewandelt werden. Lehrkräfte präsentieren eine Sammlung von Ideen, Lernanlässen und Lerngegenständen zu einem bestimmten Thema mit möglichst freiem Zugriff für die Lernenden. Dadurch wird ein spezifisches einladendes, fragengenerierendes Lernmilieu mit Aufforderungscharakter geschaffen, in dem sich Schülerinnen und Schüler mit Gegenständen auseinandersetzen. Wedekind nennt sie „Please-Touch-me-Lernlandschaften der denkenden Hand“ (Wedekind 2014). Dabei wird das Lernen als aktiver, konstruktiver und gleichzeitig individueller Prozess angesehen, in dem der Lernende der entscheidende Akteur des Prozesses ist. Die Orientierung am Phänomen führt unter Einbettung in Kontexte zu situiertem Lernen.

Lernwerkstätten als barrierefreie Räume berücksichtigen wesentliche Forderungen, die an inklusive Lernumgebungen gestellt werden: Sie „ermöglichen die freie Wahl von Themen, Partnern, Methoden, Zeit, Ort und Material, sie schenken den Lernern durch Wertschätzung Sicherheit und Selbstwirksamkeitserfahrungen und beinhalten Aspekte der Diagnose durch die Reflexion der Lernwege“ (Wedekind 2017).

Über den Autor

Joachim Kranz
Nach drei Jahrzehnten in der Schulpraxis (Humboldt-Gymnasium Berlin) und einem Jahrzehnt als Referent für Naturwissenschaften und Wirtschaft-Arbeit-Technik der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin mit intensiver Beschäftigung mit Standards (Mitautor der KMK-Bildungsstandards für den MSA in Chemie) und Rahmenlehrplänen bietet Joachim Kranz seit 2018 seine Erfahrungen für Lehramtsstudierende an der HU Berlin, für Fortbildungen in der iMINT-Akademie, im deutschen Auslandsschulwesen und für andere Bildungsinstitutionen an.

Medien für den Einsatz der Methode

Die Siemens Stiftung und ihre Kooperationspartner, die iMINT-Akademie der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin und das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA), haben inklusive Experimentiereinheiten für die Jahrgangsstufen 5 bis 10 entwickelt.

Lernumgebungen für inklusiven Unterricht:
Von den Sinnen zum Messen


Das Medienpaket beinhaltet vier Lernumgebungen zum Thema „Wahrnehmung und Messen“. Dabei geht es um die subjektive Wahrnehmung physikalischer Größen.

Klassenstufen: 5 bis 6
Fächer: Physik; Sachunterricht

Lernumgebungen für inklusiven Unterricht: Stoffeigenschaften – eine Forschungsreise

Das Medienpaket beinhaltet drei Lernumgebungen zum Thema „Stoffe und ihre Eigenschaften“. Den Rahmen bildet die fiktive Erzählung von der weltumspannenden Forschungsreise von Professorin Cousteau.

Klassenstufen 5 bis 6
Fächer: Chemie; Physik; Sachunterricht

Inklusive Materialien zu Umwelt Experimento | 10+



Das Medienpaket beinhaltet fünf ergänzende Experimente zum Thema B2 „Treibhauseffekt im Trinkbecher“ von Experimento | 10+.

Klassenstufen: 5 bis 13
Fächer: Biologie; Chemie; Geografie; Physik

Inklusive Materialien zu Energie Experimento | 10+



Das Medienpaket beinhaltet vier ergänzende Experimente zum Thema A2 „Wir speichern Wärme - Vom Wärmespeicher zur Salzschmelze“ von Experimento | 10+. Untersucht wird dazu ein handelsübliches Wärmekissen, das mit einem Natriumsalz der Essigsäure gefüllt ist.

Klassenstufen: 5 bis 13
Fächer: Chemie; Physik; Technik

Inklusive Materialien zu Gesundheit Experimento | 10+



Das Medienpaket beinhaltet ergänzende Experimente zum Thema C1 und C2 „Wir verbrennen Zucker und Kohlenhydrate als Energielieferant des Stoffwechsels - Stärke und Zucker“ von Experimento | 10+.

Klassenstufen: 5 bis 13
Fächer: Biologie; Chemie

Quellen

Benkmann, R. (2009): Individuelle Förderung und kooperatives Lernen im Gemeinsamen Unterricht. http://www.psychologie-aktuell.com/fileadmin/download/esp/1-2009/benkmann.pdf [20.08.2018].

Büttner, G., Warwas, J. & Adl-Amini, K. (2012): Kooperatives Lernen und Peer Tutoring im inklusiven Unterricht. . In: Zeitschrift Für Inklusion, (1-2). Verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/61 [20.08.2018].

Heimlich, U. & Kahlert, J. (2012): Inklusion in Schule und Unterricht. Kohlhammerverlag.

Reich, K. (2014): Inklusion und Bildungsgerechtigkeit: Standards und Regeln zur Umsetzung einer inklusiven Schule 1 (S. 245).

Struck, C. (2017): Inklusion im Chemieunterricht. Leuphana Universität Lüneburg.

Wedekind, H. (2017): Orientierungshilfe Lernwerkstätten. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung.

Wedekind, H. (2014): Phänomen als Lernanlass. Alice Salomon Hochschule Berlin.